Die Crowdfunding – Steuerfalle

//Die Crowdfunding – Steuerfalle
Crowdfunding

Er gehört zu den erfolgreichsten Crowdfunding Pionieren. Das Magnic Light ist seine Erfindung. 2011 entwickelte der deutsche Unternehmer Dirk Strothmann aus Borgholzhausen ein Fahrradlicht, das ohne Kontakt  zum Rad und ohne Batterien leuchtet. Doch das Finanzamt klopfte an die Tür – mit einer hohen Forderung. Strothmann weist im Interview auf eine Steuerfalle hin, die zumindest in Deutschland zuschnappen kann. Dabei unterstreicht er, dass es sich um eine individuelle Erfahrung handelt, die jeweils für die eigene Situation nachrecherchiert werden muss. (Bild: Nomad_Soul)

Das Finanzamt versuchte, beim Magnic Light abzusahnen

Das Interview stammt aus dem Innovationsmarketing-Leitfaden, der als E-Book hier heruntergeladen werden kann.

Beschreiben Sie doch einmal kurz, was Ihnen beim Crowdfunding passiert ist bzw. was Ihnen drohte.

Strothmann: Es hört sich ja alles zunächst prima an: grandiose Ideen mangels Eigenkapital durch Crowdfunding finanzieren, statt sich Absagen bei Banken & Investoren abzuholen. Doch die Einnahmen werden im Einnahmejahr zu 100 % als Gewinn betrachtet und entsprechend versteuert. Erst im Jahr der Auslieferung kommt es zur Berücksichtigung der Aufwendungen. In unserem Fall ging es um einen für uns gigantischen Betrag, den wir im ungünstigsten Fall vorab hätten bezahlen müssen und erst in den Folgejahren teilweise erstattet bekommen hätten.

Das klingt halsbrecherisch …

Strothmann: In der Tat. Das könnte für viele Crowdfunding -Startups existenzgefährdend sein. Natürlich erhält man in dem oder den Folgejahr/en eine Steuergutschrift für die anfallenden Kosten. Aber die einmal entrichtete Gewerbesteuer (bei sechsstelliger Crowdfunding-Summe ein mittlerer vierstelliger Betrag) gibt es nicht zurück. Bis zum Zeitpunkt der Erstattung bzw. der Gutschrift muss der Crowdfunder die Ertragssteuer über ein oder mehrere Jahre vorstrecken, was in vielen Fällen das vorzeitige Ende verheißungsvoller Projekte bedeuten dürfte.

Könnten Sie das Problem beim Crowdfunding genauer erläutern?

Strothmann: Sollten nach Abzug sämtlicher Produktionskosten und der Umsatzsteuer NACH Versand der Produkte tatsächlich noch Gewinne übrig bleiben, ist das für ein Crowdfunding -Startup bemerkenswert. Man könnte jetzt meinen, dass für diese Gewinne „nur“ die üblichen Ertragssteuern anfallen (Gewerbesteuer + Körperschaftssteuer bei Unternehmen bzw. Einkommenssteuer bei Personen). Geht es jedoch nach unserem Finanzamt, sind sämtliche Aufwendungen für die Auslieferung, die aus dem Jahr der Crowdfunding-Einnahme herausfallen, nicht abziehbar. Somit ist der Großteil der Einnahme zunächst VOLLSTÄNDIG als Gewinn zu versteuern! Auch die Bildung von Rückstellungen für die Produktion lässt das Finanzamt nicht einmal für eine deutsche GmbH mit Bilanzierung zu.

Wie ging es denn nach dem Vorstoß des Finanzamtes mit dem Crowdfunding weiter?

Strothmann: Wir haben Klage gegen die Entscheidung beim Finanzgericht Münster eingelegt und gleichzeitig gegen den Bescheid Einspruch eingelegt. Der Einspruch war erfolgreich, doch die Klage haben wir trotzdem aufrechterhalten. Inzwischen haben wir einen jahrelangen Streit mit der Behörde hinter uns, der reichlich Nerven, Zeit und Geld gekostet hat. Trotz des für uns letztendlich guten Ausgangs besteht nach Auffassung des Finanzamts weiterhin Spielraum, andere deutsche Crowdfunding -Projekte steuerlich zu schröpfen.

 Lutzer: Aus welchem Grund haben Sie an der Klage festgehalten?

Strothmann: Unterm Strich bedeutet das Vorgehen des Finanzamtes eine extreme Benachteiligung gegenüber einer normalen Vorbestellung mit Vorauszahlung. Bei dieser liegt erst mit Auslieferung der Ware die Gewinnrealisierung vor, die dann und entsprechend besteuert wird. So erhalten Firmen oft mit Auftragserteilung eine Vorauszahlung für die Produktion, die im Auftragsjahr nicht als Gewinn in die Bücher geht, wenn die Auslieferung im Folgejahr liegt. Zumindest sollten Rückstellungen gebildet werden können, die für die Gewinnermittlung steuermindernd abziehbar sind.

Was empfehlen Sie Crowdfunding – Interessierten?

Strothmann: Ich rate jedem, der selbst mit dem Gedanken an ein solches Vorhaben spielt, sich den steuerlichen Aspekt genau anzuschauen. Erfahrungsgemäß schaffen es nur wenige Crowdfunder, ihre Produkte im gleichen Jahr auszuliefern – insbesondere für den Fall, dass das Projekt gegen Jahresende durchgeführt wird. Am besten ist es aber, wenn Einnahmen und Produktions-Ausgaben im selben Jahr liegen. Das lässt sich nur durch geschickte Terminierung erreichen.

Gibt es vielleicht noch eine weitere Möglichkeit, das Problem zu umschiffen?

Strothmann: Ein anderer Weg besteht darin, eine zusätzliche Firma mit ins Boot zu holen. Das Konstrukt sieht dann so aus: Firma C („Crowdfunder“) beauftragt Firma A („Abwickler“) mit der Durchführung des Projekts und bezahlt diese Leistung bereits im Jahr der Crowdfunding-Einnahme. Dadurch hat Firma C nur noch die eventuell verbleibenden Gewinne zu versteuern. Firma A erhält zwar eine große Vorauszahlung, die aber nicht aus dem fürs Finanzamt „anrüchigen“ Crowdfunding, sondern aus einem B2B-Geschäft stammt. Somit ist dieses Übereinkommen steuerlich „normal“ mit Gewinnrealisierung zum Erfüllungszeitpunkt (hier Auslieferung) zu behandeln.

Ihre Erfahrung ist sicher sehr wichtig für andere Crowdfunder …

Strothmann: Ich bitte diese dennoch, auf eine Kontaktaufnahme mit mir wegen Beratung zu verzichten. Das kann und will ich aus zeitlichen Gründen nicht leisten. Details lassen sich zum Beispiel auf unserer Homepage www.magniclight.com bei Linkedin nachlesen: https://www.linkedin.com/pulse/crowdfunding-deutschland-spiel-mit-dem-feuer-dirk-strothmann (Interview: Birgit Lutzer)

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