Berufsbildung 4.0 – eine Herausforderung

//Berufsbildung 4.0 – eine Herausforderung
Berufsbildung 4.0

Die Berufsbildung 4.0 muss an den technischen Wandel angepasst werden. Über die Digitalisierung wird seit 2011 zwar viel geschrieben und spekuliert. Doch Fachartikel über nötige Qualifizierungen sind dünn gesät. Gastbeitrag von Rainer Krause, Personalleiter des Oldenburger Chemie-Riesen Büfa GmbH & Co.KG. (Bild: © lassedesignen / Fotolia)

Berufsbildung 4.0 – Digitalisierung verändert alles

In Kurzform: Durch die Digitalisierung wandelt alles: Geschwindigkeit, Einfachheit und industrieübergreifende Zusammenarbeit. Startups mit innovativen Geschäftsmodellen verdrängen etablierte Konzerne über Nacht vom Markt. Unternehmen wachsen digital zusammen. Plötzlich bilden Hersteller und Zulieferer eine Einheit. Und die Kunden können direkt in den Produktionsprozess eingreifen. Und wie cyberphysische Systeme via Internet softwaretechnische Komponenten mit mechanischen und elektronischen Teilen verknüpfen, kann man in unzähligen Fachmagazinen nachlesen. All das wird unterlegt mit den neuesten Erfolgsgeschichten aus der Wirtschaft.

Über die Berufsbildung 4.0 wird wenig berichtet

Was Gesagtes jedoch bei den Mitarbeitern und deren Ängsten bewirkt, wie sich deren Arbeitsplätze verändern  und wie junge Menschen auf den Berufseinstieg vorbereitet werden, darüber wird nur in Allgemeinplätzen berichtet. Hier kommt der Aspekt der  Qualifikationsanforderungen ins Spiel: Arbeit wird einerseits komplexer, interdisziplinärer, besitzt problemlösenden Charakter, was den Bedarf an Requalifizierung steigen läßt. Andererseits gibt es eine Tendenz zur Vereinfachung von Tätigkeiten.

Eigenes Denken zukünftig unerwünscht?

Es gibt hierzu  einen kurzen  Lehrfilm aus der Automobilindustrie. Dieser lässt den Praktiker erahnen, welche  Veränderungen auf uns zukommen:  Ein Kommissionierer fährt mit seinem Flurförderfahrzeug durch ein Lager. Er hat eine Datenbrille auf. Als Betrachter dieses Films hat man den Blickwinkel des Fahrers. Oben rechts in der Brille sieht man die Anweisungen der Datenbrille.  Geradeaus fahren, rechts abbiegen, aus Fach X drei Teile entnehmen usw., bis der Auftrag auf diese Weise abgearbeitet ist. Dann bekommt der Fahrer den Auftrag, zur Ladestation zu fahren, um die Batterie aufzuladen. In der Datenbrille erscheint eine Schablone, wie er den Batteriekasten öffnen soll und anschließend, wo die Ladekabel angeschlossen werden.

Die Berufsbildung 4.0 muss sich an neue Aufgabenprofile anpassen

Der Vorgang des Kommissionierens ist Bestandteil des Ausbildungsrahmenplans für den Fachlage- risten und der Fachkraft für Lagerlogistik. Für die Tätigkeit des  zuvor geschilderten Kommissionierers  dürfte ein Mitarbeiter ohne Ausbildung genügen: er muss nur lesen können und in der Lage sein, dass gelesene fehlerfrei umzusetzen. Und der Fachlagerist sitzt überwiegend im Büro und hat nun nicht mehr allein mit den internen Prozessen und den Speditionen zu tun, er ist hier mit allen Zulieferern und Kunden global vernetzt, weiß, in welchem  Stadium und an welchem Ort sich gerade das eigene Versandgut oder die anzuliefernde Ware befindet und muss flexibel auf jede Information, die auf eine Störung des vorgegeben  Ablaufes hinweist, sofort reagieren. Kurzgesagt ist  unser Kommissionierer von der Vereinfachung betroffen, unser Fachlagerist  muss sich der gestiegenen Komplexität stellen. Die Schlussfolgerung aus diesem Beispiel erlaubt die Vermutung, dass dieser Fachlagerist durch den erweiterten Aufgabenbereich auch mit Schnittstellen anderer Berufsfelder in Berührung kommt und interdisziplinärer ausgebildet sein bzw. sich entsprechend weiterqualifizieren müsste. Und es sind neben den bekannten Schlüssselqualifikationen wie Fach-, Methoden- und sozialer Kompetenz w8eitere Soft Skills zu vermitteln.

Interkulturelle Kompetenz ist bei 4.0 gefragt

Zu ihnen gehört die Intensivierung der Teamfähigkeit. Aus dem Beispiel mit unserem Fachlageristen ist ersichtlich, dass er es mit einer höheren Anzahl von Ansprechpartner zu tun hat und bei Ablaufstörungen u.U. mit Mitarbeitern aus mehreren Firmen ein Lösung erarbeiten muss. Hier sind wir auch gleich bei  der interkulturellen Kompetenz, wenn Ansprechpartner  aus unterschiedlichen Nationen/Kontinenten beteiligt sind.  Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingssituation ist die Fähigkeit, sich mit der eigenen und mit fremden Kulturen auseinanderzusetzen bei der zu erwartenden Integration von Flüchtlingen in unsere Betriebe umso bedeutender.

Studenten der Uni Oldenburg, die sich mit den neuen Anforderungen an die Kompetenzen in der digitalisierten Welt auseinandergesetzt haben, haben sich u.a. mit Ambiguitätstoleranz beschäftigt. Hierbei geht es um die Fähigkeit,  mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Ambiguitätstolerante Personen sind in der Lage, Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede oder mehrdeutige Informationen , die schwer verständlich erscheinen, wahrzunehmen und damit umzugehen (Google).

Wer den Überblick behält, besteht

Zu einer bedeutenden Schlüsselqualifikation entwickelt sich die Digitalisierung, der Umgang mit den Medien und Techniken, die sich in einer rasanten Geschwindigkeit  entwickeln und verändern. Es gilt dabei den Überblick zu bewahren, die Flut von Informationen  zu strukturieren und dabei noch den Überblick behalten. Wie bedeutend dieses Thema ist, erkennt man an den Bestrebungen vieler Unternehmen, ihre Mitarbeiter vor der täglichen Informationsflut zu schützen. Viele Betriebe haben als Regelkommunikation Digitalisierungsrunden  eingerichtet. Hier erfahren Mitarbeiter, was aktuell an Medien vorhanden ist, erhalten Tipps für den ganzheitlichen Umgang damit, erfahren was auf sie zukommen kann/wird.

Berufsschulen und Wirtschaft müssen reagieren

Nun sind wir bei der Berufsbildung 4.0 angelangt und der Frage nach dem künftigen Stellenwert der Berufsbildung  in der Industrie und den Handlungsoptionen der Berufsschulen und der Wirtschaft. Letztere haben ja den gemeinsamen Auftrag, Fachkräfte zu sichern. Wenn sich die Berufsschulen den Herausforderungen stellen, müssen sie wissen, was der Kunde will und der Kunde muss wissen, was er künftig von den Berufsschulen erwartet. Das ist nur mit einer intensiven Zusammenarbeit und einem ständigen Wissensaustausch zu gewährleisten.

Bei der Frage, was sich in der beruflichen Ausbildung ändern wird, kann man heute davon ausgehen, dass das  berufsspezifische Fachwissen, das bisher  vermittelt wird, reduziert werden muss, um Raum für die Vermittlung von Schnittstellenwissen zu anderen Berufsbildern (Interdisziplinarität) und die Vermittlung der  erforderlichen Schlüsselkompetenzen in der digitalisierten Welt zu schaffen.